Seit drei Jahren spielt, tanzt und singt Bastian Sierich an der Münsterstraße 446, auch als Protagonist auf Manuel Schöbels »Die dunkle Seite der Sonne«. Das Stück erzählt die Geschichte von Marvin, einem jungen Mann, der auf der Straße lebt und einer Gang, die in der Inszenierung von Renat Safiullin – koproduziert mit Kabawil e.V. – von jugendlichen Hip-Hop-Tänzern dargestellt wird.

Bastian Sierich: Künstlerisch war diese Produktion für mich eine der wichtigsten überhaupt. Sie hat mir unheimlich viel abverlangt. Ich hatte keine Chance etwas zu machen, was ich immer schon gemacht hatte.

Was war daran so neu?

Sierich: Das improvisatorische Spiel in intensiver Auseinandersetzung mit Themen, die ungeheuer viel mit unserer sozialen Realität zu tun haben. Für mich war das zu Beginn, wie über dünnes Eis zu laufen. Ich habe sofort gespürt: Du musst ein Vertrauen zu den Kids aufbauen, ohne dich einzuschleimen. Denen kann man nichts vormachen. Die sind im Leben schon zu oft belogen worden. Deshalb habe ich versucht, einfach ich selbst zu sein. Und ich hatte die Verantwortung, die anderen, die ja keine Schauspieler waren, mitzunehmen.

Hattest du Vorbild für deine Rolle?

Ich habe an Figuren aus Filmen gedacht. Oder an einen Mann, den ich oft an der Pempelforter Straße sitzen sehe, immer an der gleichen Stelle, schon seit Jahren, zwischen einem Riesenberg von Koffern und Taschen. Der sitzt da, völlig verlottert und schreibt ellenlange Briefe in Miniaturschrift, ganz ernsthaft. Macht sich im Winter in die Hose, damit es wärmer wird. Da überlegt man sich, was der für eine Geschichte hat. Meine Figur, Marvin, ist ein junger Mensch, der noch Träume hat, aber schon seit vier Jahren auf der Straße lebt.

Wie ist der Text entstanden?

Der Autor Manuel Schöbel in einer Schreibwerkstatt mit den Kids von Kabawil gearbeitet, sie erzählen lassen, dann geschrieben. Die Monologe sind also zum Teil Realität der Jugendlichen. Der eine ritzt oder ein anderer nimmt Drogen. Das ist kein Spiel. Manche der Kids leben im Heim. Die Eltern sind gestorben oder der Bruder an einer Überdosis Heroin. Andere haben tiefste Depressionen.

Wie alt sind die Jugendlichen von Kabawil, einer 2003 von Petra Kron und Othello Johns gegründeten Gruppe, die zuerst mit ‚hungryfeet.de’ auf die Bühne ging?

Von zwölf bis einundzwanzig. Da hört man unglaubliche Geschichten. Einer hat zum Beispiel seinen Bruder genommen, ist vom Vater abgehauen und ist quer durch Deutschland zur Mutter gereist: Eine tagelange Fahrt. Er übernimmt so viel Verantwortung für seinen kleinen Bruder, als sei er sein Vater. Der hatte auch in der Gruppe Autorität, blieb ruhig, schrie nicht rum.
Natürlich hat Theater immer mit der Realität zu tun. Aber, wenn du eine Geschichte von Jugendlichen erzählst und die stehen neben dir, dann ist das was anderes. Dem musste ich gerecht werden. Mir lag am Herzen, dass das respektvoll rüber kommt, dass man mal hinguckt, diese Schicksale wahrnimmt und gleichzeitig sieht, wozu die in der Lage sind. Das sind alle keine Profis, kriegen kein Geld dafür. Jeden Ferienmorgen mussten sie hier auf der Matte stehen, dann vier, fünf Stunden arbeiten. Für manche war es sehr schwierig, sich so lange zu konzentrieren, sich an Regeln zu halten.

Du selber spielst noch in sechs Repertoire-Inszenierungen, aber nur noch in zwei neuen Produktionen?

Ja, ich werde in der »Schneekönigin« und in »Brave New World« spielen. Mehr will ich in dieser Spielzeit nicht. Das war meine Bedingung. Jetzt habe mal Zeit für ein Buch, das nichts mit einer aktuellen Produktion zu tun hat und zum Nachdenken. Auch darüber, wie´s weitergeht: Vielleicht im Erwachsenentheater oder beim Fernsehen, vielleicht aber auch in Las Vegas. Für den dortigen ‚Cirque du Soleil’ habe ich eine Audition bei einem »talent scout« gehabt. Sind auch zehn Shows die Woche. Aber man hat immerhin in jeder Woche zwei Tage frei, das ist wesentlich mehr als hier.

Und wie wird es bei den Kids weitergehen?

Manche sind mit der Schule fertig, studieren jetzt. Andere machen mit den Gründern von Kabawil Petra Kron und Othello Johns weiter.

(Das Interview führte Ruth Heynen, NRZ)

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